Fragen und Antworten zur S4neo Studie

Interview zur S4neo-Studie
Aufklärung von falschen Annahmen und Irrtümern

Warum gefällt Ihnen die S4 nicht?
Das haben wir so pauschal nie gesagt. Die Hamburger S-Bahn ist ein schnelles und
leistungsfähiges Verkehrsmittel. Ihre ursprünglich sehr hohe Leistungsfähigkeit wurde
jedoch durch ihr abgeschlossenes System erreicht, was Störungen und Verspätungen
von außerhalb ihres Netzes fern hielt. Durch die S5 nach Stade wurde dieses vorteilhafte
System leider aufgebrochen und diese anhaltenden und ungelösten Probleme würden
sich mit einer S4 nach Bad Oldesloe weiter verschlimmern.

Wieso?
Die S-Bahn ist ein Nahverkehrsmittel, genauer, ein Massenverkehrsmittel für viele
Fahrgäste. Doch sämtliche S-Bahnlinien müssen mit ihren Zügen aus allen Richtungen
minutengenau durch die Hamburger Innenstadt geschleust werden. Deshalb werden
schon geringe Verspätungen, die bei der S4 ebenso wie jetzt schon bei der S5 nicht zu
vermeiden sind, zum Kollaps des Systems führen.

Was ist der Vorteil der S-Bahn?
Die S-Bahn eignet sich bevorzugt zur Erschließung von Stadträumen mit engen Takten,
kurzen Haltestellen-Abständen und schnellen Ein- und Ausstiegen.

Aber genau das brauchen wir doch im nordöstlichen Hamburg und für den Landkreis
Stormarn, oder?
Nicht ganz! In Hamburg sollen Verkehrsräume mit kurzen Haltestellen-Abständen gut
erschlossen werden und im Landkreis Stormarn müssen erheblich größere Entfernungen
überbrückt und Orte verbunden werden.

Ist das nicht das Gleiche?
Nein, zwischen Hamburg und Rahlstedt liegen 12,231 Kilometer sowie 8 Haltestellen
und zwischen Rahlstedt und dem 9,228 Kilometer entfernten Ahrensburg liegt keine
einzige Haltestelle. Hier gibt es – außer vielleicht einmal in Ahrensburg-West, wo ein Halt
ohne zusätzliche Gleise sogar viel einfacher zu bauen wäre – nichts zu erschließen.
Aber die S-Bahn kann doch auch problemlos größere Entfernungen überbrücken?
Ja, sicherlich, doch darin ist sie nicht besonders effektiv. Jedes Verkehrsmittel sollte das
machen, was es am besten kann und unsere Regional-Express-Züge haben mehr Plätze,
sind schneller, bequemer, haben Toiletten und brauchen keine eigenen Gleise.

Doch nach Stade fährt die S-Bahn trotzdem, auch ohne eigene Gleise!
Richtig, doch das hat in den mittlerweile 18 Jahren des Bestehens bis heute nie richtig
funktioniert. Die gegenseitigen Behinderungen mit dem Eisenbahnverkehr stellen ein
großes und offensichtlich unlösbares Problem dar. Auch sind die für die hamburgische SBahn
benötigten Bahnsteige inkompatibel mit dem übrigen Eisenbahnverkehr.

Wieso das denn?
Die S-Bahnsteige müssen eine Höhe von 96 Zentimeter haben und die Bahnsteige der
normalen Eisenbahn dürfen nur maximal 76 Zentimeter hoch sein.

Warum?
Weil viele Eisenbahnwagen in der 96er Höhe breiter sind als die S-Bahnen und deshalb
mit der Bahnsteigkante kollidieren würden.

Und wie wurde das Problem auf der Strecke nach Stade gelöst?
Mit fahrbaren Rampen auf dem Bahnsteig, die der Triebfahrzeugführer bei Bedarf an die
S-Bahn schieben muss, damit auch mobilitätseingeschränkte Fahrgäste die S-Bahn
benutzen können. Ist aber umständlich, zeitraubend und für die auf Selbstständigkeit
bedachten mobilitätseingeschränkten Personen eine Zumutung. Und man kann nur beim
Fahrzeugführer ein- und aussteigen, was bei den bis zu 200 Meter langen S-Bahnsteigen
häufig lange Wege erfordert und gehbehinderte Menschen zusätzlich beeinträchtigt.

Gut, verstanden! Doch die S4 soll ja eigene Gleise bekommen und insofern entfällt bei uns das Problem
der S-Bahn nach Stade. Was soll an den eigenen Gleisen schlecht sein?
Na ja, schlecht ist der falsche Ausdruck. Zusätzliche Gleise sind ja nicht grundsätzlich
schlecht, kosten aber sehr viel Geld und Grundstückseigentümer verlieren ohne Not
einen Teil ihrer Lebensfläche. In diesem Fall werden sogar Naturschutzräume zerstört
und ein Gleisbau in einem Moorgebiet stellt noch einmal ganz besondere Anforderungen
an den Gleisbau und sollte tunlichst vermieden werden.

Aber man will doch nicht zuletzt aus Gründen des Klimaschutzes Autofahrer von der
Straße auf die Schiene holen!
Klar, doch den Autofahrer interessieren die Anzahl Gleise nicht. Der will möglichst schnell
und bequem von A nach B fahren. Und für die Orte Ahrensburg, Bargteheide und Bad
Oldesloe einschließlich aller dazwischen liegenden kleineren Orte gibt es mit den
Regional-Express-Zügen schnellere und weitaus komfortablere Verkehrsmittel als die S4.
Die schnellen Regional-Express-Züge sind kompatibel mit den übrigen Zügen, so dass die
Bahnsteige hundertprozentig behindertengerecht gebaut werden können und auf
zusätzliche Gleise verzichtet werden kann.

Aber es wird doch immer behauptet, dass man die zusätzlichen Gleise auch für die
vielen Güterzüge braucht, die mit dem Fehmarn-Belt-Tunnel auf die Strecke kommen.
Diese Behauptung ist falsch. Auf dem Gleisabschnitt zwischen Bad Oldesloe und Lübeck
liegen auch nur zwei Gleise und da fahren genau dieselben Personen- und Güterzüge wie
auf dem Abschnitt zwischen Bad Oldesloe und Hamburg. Eine zweigleisige Strecke
verkraftet mit einem optimal gestaltetem Fahrplan und der immer notwendigen
Betriebsreserve je Richtung etwa zehn Züge stündlich.

Und wie viele Güterzüge sollen dort fahren?
Die letzte Prognose der Deutschen Bahn lag bei 78 Güterzügen pro 24 Stunden, das sind
3,25 Züge pro Stunde. Wenn wir dann noch für die acht Nachtstunden zwischen 22 und
6 Uhr, wo traditionell die meisten Güterzüge fahren, acht Güterzüge stündlich, also
insgesamt 64 Güterzüge annehmen, verbleiben in den 16 Stunden von 6 Uhr morgens
bis 22 Uhr abends gerade einmal 14 Güterzüge, also nicht einmal einer pro Stunde!

Gut, doch die zwei zusätzlichen S-Bahngleise sollen doch auch die Unabhängigkeit der
S4 vom übrigen Eisenbahnverkehr sicherstellen.
Das stimmt so leider auch nicht. Auf dem längsten Abschnitt zwischen Gartenholz und
Bad Oldesloe soll die S4 auf den normalen Eisenbahngleisen fahren, also genau wie die
S5 auf der Strecke zwischen Neugraben und Stade, was noch nie zufriedenstellend
funktioniert hat und man keine Ideen hat, wie man diese Problematik verbessern könnte.
Bei der S4 kommt gegenüber der S5 noch erschwerend hinzu, dass die Eisenbahngleise
von der S4 mehrfach gekreuzt werden müssen und der Güterzugverkehr auf der Strecke
zwischen Hamburg und Lübeck mehr als doppelt so hoch sein wird wie auf der Strecke
zwischen Cuxhaven und Harburg mit derzeit etwa 32 Zügen pro Tag.

Und die Regional-Express-Züge sind angeblich sogar schneller als die S4?
Ja, sogar erheblich! Zwischen Hamburg Hbf und Bad Oldesloe hätten Sie mit der S4 eine
Fahrzeit von 47 Minuten und mit den schnellen Regional-Express-Zügen bräuchten Sie
nur 32 Minuten, dazu mit fast doppelt so vielen Sitzplätzen und sogar Toiletten. Sie
sparen also von Bad Oldesloe 15 Minuten Fahrzeit, von Bargteheide sind es 13 Minuten,
von Ahrensburg 11 Minuten und von Rahlstedt noch 10 Minuten Ersparnis.

Und wenn ich aus Ahrensburg bin und an einer der neuen S4-Haltestellen in Hamburg
ein- und aussteigen möchte?
Dann müssen Sie in Rahlstedt umsteigen, vom Regional-Express-Zug in die S4 oder von
der S4 in den Regional-Express-Zug. Die Züge stehen stets nebeneinander an demselben
Bahnsteig und es sind nur wenige Meter Fußweg, ohne jedes Treppensteigen und ohne
Warten an Aufzügen.

Verliere ich durch das Umsteigen Zeit?
Nein, im Gegenteil! Denn Sie haben mit der Fahrt im Regional-Express-Zug mehr Fahrzeit
eingespart, als Ihnen durch das Umsteigen verloren geht.

Und von Ahrensburg aus kann ich mit den Regional-Express-Zügen auch nach Lübeck
fahren?
Ja, gegenüber heute mit nur einer Fahrt pro Stunde fahren die Regional-Express-Züge
sogar vier Mal die Stunde und im Sommer ohne Umsteigen direkt bis an die Ostsee.

Hätte ich auch Vorteile, wenn ich in Rahlstedt wohne?
Ja, natürlich, Rahlstedt ist der größte Stadtteil Hamburgs und liegt schon viel zu lange im
Schienenverkehrsschatten. Und die Vorteile für die Rahlstedter Einwohner und auch für
die Rahlstedter Geschäftswelt sind besonders groß, denn je Stunde fahren
• je 6 S-Bahnen nach und von Hamburg und
• je 4 Regional-Express-Züge nach und von Hamburg mit der halben S4-Fahrzeit sowie
• je 4 Regional-Express-Züge nach und von Lübeck und teilweise direkt an die Ostsee.
Mit den schnellen Regional-Express-Zügen ist man von Hamburg Hbf in nur zehn Minuten
in Rahlstedt! Das ist doppelt so schnell wie mit der S4 und genauso schnell wie mit der
U1 nach Wandsbek-Markt, mit der U3 nach St. Pauli und sogar noch zwei Minuten
schneller als mit der U2 nach Billstedt oder mit der U3 nach Barmbek. Rahlstedt rückt
also mit den schnellen Regional-Express-Zügen viel stärker ins Hamburger Zentrum.

Und die Güterzüge behindern die Regional-Express-Züge wirklich nicht?
Nein, keine Sorge, denn die Fahrpläne sind perfekt aufeinander abgestimmt. Tagsüber
fahren je Stunde diese vier Regional-Express-Züge und maximal zwei ICEs von und nach
Skandinavien. Dann könnten also tagsüber von 6 bis 22 Uhr noch vier Güterzüge je
Stunde fahren und nachts von 22 bis 6 Uhr acht Güterzüge stündlich. Macht zusammen
4 x 16 und 8 x 8 = 132 Güterzüge pro Tag und Richtung. Das sind knapp 70 Prozent
mehr als die 78 von der Deutschen Bahn für die Strecke zwischen Hamburg und Lübeck
prognostizierten Güterzüge.

Und wenn die Fahrgäste diese schnellen Regional-Express-Züge so toll finden, dass sie
nach kurzer Zeit überfüllt wären?
Da können wir Sie beruhigen. Die Regional-Express-Züge können sogar in 3er-Traktion
fahren, womit einer dieser modernen Doppelstocktriebwagen 2640 Fahrgäste befördern
könnte und im geplanten 15-Min-Takt sogar die doppelte Anzahl Fahrgäste gegenüber
heute. Mit der S4 wären es nur maximal 1407 Fahrgäste, wobei, wie bereits erwähnt,
die gegenüber den Regional-Express-Zügen langsamere S-Bahn zwischen Ahrensburg-
Gartenholz und Bad Oldesloe für den übrigen Verkehr ein Verkehrshindernis darstellt.
Gut, das überzeugt mich.

Eine letzte Frage: Warum wurde die S4 überhaupt in der
vorliegenden Form geplant, wenn es anders viel besser und schneller geht und zudem
erheblich preiswerter wird? Hat da die Politik oder die Deutsche Bahn versagt?
Versagt ist das falsche Wort. Als mit der S4-Planung vor vielen Jahren begonnen wurde,
waren die hamburgischen S-Bahn-Fahrzeuge – die zwar auf einer Entwicklung aus der
1940er Jahren beruhen – immer noch in der Fahrzeug-Entwicklung führend.

Und heute?
Der Fehler der S4-Planung liegt in der Trägheit der Verantwortlichen begründet, die in
den letzten Jahren fast explosionsartig neu entwickelten elektrischen Triebwagen nicht
beachtet zu haben. Die hamburgischen S-Bahnen sind immer noch erste Wahl, doch nur
für den Stadtbetrieb, denn in einem Mischbetrieb bleiben sie auf ewig ein störender
Fremdkörper. Da gibt es mittlerweile bessere Lösungen, wesentlich preiswerter, ohne
zusätzlichen Flächenverbrauch und ohne Zerstörung schützenswerter Natur.

Was also sollte man jetzt tun?
Umdenken! Wer die S4 möglichst schnell in Betrieb nehmen möchte, sollte die Reißleine
ziehen und nur bis Rahlstedt bauen. Das beschleunigt die S4-Fertigstellung um etliche
Jahre, spart einen hohen dreistelligen Millionenbetrag ein und verschafft dem Stadtteil
Rahlstedt zusätzlich einen wertvollen Regionalbahnhof, so wie es ihn auch im wesentlich
kleineren Stadtteil Bergedorf mit nicht einmal 40.000 Einwohnern gibt. Die schnellen
Regional-Express-Züge bieten nur Vorteile und für keinen anderen Ort zwischen Hamburg
und Bad Oldesloe gibt es irgendwelche Nachteile. Die Politik und die Deutsche Bahn
müssen dies endlich zur Kenntnis nehmen und sowohl zu Gunsten der Fahrgäste, zu
Gunsten der Natur und auch zu Gunsten der Staatsfinanzen die mittlerweile zwischen
Rahlstedt und Bad Oldesloe veraltete S4-Planung den neuen Erkenntnissen und der mit
Riesenschritten fortgeschrittenen Fahrzeugentwicklung anpassen.

24. Januar 2026    Dieter Doege + Jens Ode

Das Interview als PDF Datei: Interview 24.01.2026

Die S4neo als PDF Datei: Studie S4neo

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