Kategorie: S 4 Bahnprojekt

Stellungnahme der IG Tunneltal zum Fragenkatalog der DB Netz AG

S4: Vorgetäuschte Mobilitätswende bedroht den Artenschutz und die archäologischen Bodendenkmäler im Ahrensburger Tunneltal

Fast fünf Monate hatte sich die DB Netz Zeit genommen, um die 88 Fragen der IG Tunneltal und der BI „Ahrensburg gegen Gütertrasse“ zu beantworten. Auch die Fragen, die das Publikum am 27. Oktober während der „Dialogveranstaltung“ stellte, wurden nun auf der Homepage der Stadt Ahrensburg veröffentlicht. Die IG Tunneltal bezieht jetzt Stellung zu den Antworten.

Es ist kaum einen Monat her, dass die Welt ein neues Naturschutzabkommen in Montreal beschlossen hat. Mindestens 30 Prozent der Land- und Meeresflächen müssen weltweit unter Naturschutz gestellt werden, um das Artensterben auf unserem Planeten aufzuhalten. Doch was sind das für hehre Ziele, wenn wir es offenbar nicht einmal schaffen, unsere bestehenden Naturschutzgebiete in Deutschland zu schützten? Ein prominentes Beispiel dafür wird möglichweise bald das eigentlich streng geschützte Stellmoor-Ahrensburger Tunneltal werden.

Denn die Antworten der DB Netz AG offenbaren nun Planungsdetails, die erschreckende Gewissheit bringen: Die Eingriffe im Tunneltal werden durch den Bau zwei neuer Gleise für die neue Bahnlinie S4 dramatisch sein!

Eine 25 m breite Schneise mit 3-6 m hohen Lärmschutzwänden auf beiden Seiten wird das streng geschützte Tunneltal zukünftig auf acht Kilometern Länge zerschneiden. Während der ca. 5- jährigen Bauphase sollen außerdem Baustraßen von mindestens 3,50 m Breite auf beiden Seiten der Trasse eingerichtet werden. Dazu noch Ausweichflächen für die Baustellenfahrzeuge. Auch von „weiteren Flächen zur Abwicklung der Baumaßnahme“ im Naturschutzgebiet ist die Rede.

„Unvermeidbare Eingriffe werden nach den gesetzlichen Vorgaben ausgeglichen“ heißt es zu den Eingriffen im Naturschutzgebiet an anderer Stelle.

Doch die Trasse selbst ist nicht der einzige Eingriff, der im Tunneltal geplant ist. Ein Brückenbauwerk mit 120m Spannbreite und 17m Höhe soll den beschrankten Bahnübergang am Braunen Hirsch ersetzen. Das monströse Bauwerk liegt dann inmitten der international bedeutenden Fundplätze eiszeitlicher Rentierjägerkulturen und wird einen Großteil der Talsohle überspannen. Der unverbaute Charakter des Tals an diesem besonderen Ort der Menschheitsgeschichte wird dadurch zerstört werden. Die Brücke sei notwendig, damit „der Verkehrsfluss auf der Straße deutlich reibungsloser wird“. Etwa 3000 Kfz/24 h mehr (!) als jetzt schon werden dann täglich über die Brücke rollen, so die zitierte Prognose der DB Netz. Für das Naturschutzgebiet, den berühmten Fundplatz und die Anwohner der Siedlung Am Hagen und Ahrensfelde, die schon jetzt unter der täglichen Verkehrslast leiden, eine Katastrophe.

Dabei soll die neue Brücke offenbar sogar eine Idee der Anwohner selbst gewesen sein: „Viele BürgerInnen äußerten Ideen und Anmerkungen, die das Projektteam aufnahm und berücksichtigte (Bsp. Die neue Brücke am Braunen Hirsch).“ schreibt die DB Netz AG.

Neben den vielen Planungsdetails, die sehr konkret beantwortet wurden, bleiben andere Fragen nur vage oder gar nicht beantwortet.

So kann die DB Netz AG die ständig zitierten 250.000 Pendler, die angeblich zukünftig von der neuen Bahnlinie profitieren sollen, rechnerisch nicht herleiten. Nicht nur, dass die Zahl sehr hochgegriffen erscheint, da im gesamten Kreis Stormarn keine 250.000 Einwohner leben, sondern es wird auch der Anschein erweckt, als würde es momentan überhaupt noch keine Bahnverbindung für diese Menschen geben.  Etikettenschwindel nennt man das, wenn in der Werbung mehr versprochen wird, als das Produkt hergibt.

Auf Fragen zur Gütertrasse will die DB Netz auch nicht eingehen, denn „die S4 sei ein reines Nahverkehrsprojekt.“

Das mag formal stimmen, ist aber Augenwischerei, denn die DB Netz AG argumentiert ja selbst immer wieder, dass die S4 eigene Gleise benötigt, da ein Mischbetrieb mit dem Fern- und Güterverkehr auf der Bestandsstrecke wegen des zunehmenden Güterverkehrs durch die Fehmarnbelt-Querung nicht möglich wäre. Seltsam nur, dass die S4 ab Ahrensburg-Gartenholz ohne eigene Gleise auskommen und sich bis Bad Oldesloe weiterhin die Gleise mit dem Fern- und Güterverkehr teilen soll. Auf die während der Dialogveranstaltung öffentlich gestellte Frage, ob die neuen Gleise für die S4 nur deshalb bis Ahrensburg gebaut werden sollen, weil man in Hamburg-Rahlstedt schlichtweg keinen Platz für die zwei Kilometer lange Abstellanlage gefunden hat, die jetzt in Delingsdorf gebaut werden soll, gibt es keine Antwort. Auch nicht auf die Frage aus dem Fragenkatalog, wie groß die tägliche Belastung für den Einfädelungsverkehr der über Nacht geparkten S-Bahnzüge von der Abstellanlage sein wird. “Hierzu können wir in der jetzigen Planungsphase keine Angaben machen.“

Warum der Gleisausbau für die die S4 nicht einfach in Hamburg-Rahlstedt enden kann, um das streng geschützte Tunneltal zwischen Rahlstedt und Ahrensburg zu verschonen, wird mit „Die aktuelle Planung der S4 ergab sich als die Variante, bei der die Betriebsqualität für alle Verkehre wirtschaftlich optimal und robust ist und somit als nachhaltige Lösung zu favorisieren ist.“ beantwortet.

Die Zerstörung von Natur und Kultur im Tunneltal, wird unter den fadenscheinigen Argumenten einer fraglichen Wirtschaftlichkeit und einer vorgetäuschten Mobilitätswende offensichtlich als Kollateralschaden in Kauf genommen.

Denn ob die S-Bahnen, die auf Ihrer Fahrt in die Hamburger City viele Zwischenstopps einlegt und damit die Fahrzeit verlängert, wirklich attraktiver sind, weiß letztlich niemand. Zudem verfügt Ahrensburg mit zwei U-Bahnstationen und zwei Regionalbahnhöfen, verglichen mit anderen Vororten wie etwa Barsbüttel oder Wedel, bereits jetzt über eine sehr gute Anbindung an Hamburg. Dass die Regionalzüge oft unpünktlich sind oder gar ausfallen, ist kein Problem fehlender Gleise, sondern maroder Technik und fehlenden Personals!

Die S4 wird von der Politik als wichtiges Nahverkehrsprojekt und Beitrag zur Mobilitätswende gefeiert. Doch rechtfertigt das die Teilzerstörung eines Naturschutzgebietes?

Das Stellmoor-Ahrensburger Tunneltal wurde 2010 als FFH (Fauna-Flora-Habitat) -Gebiet anerkannt und genießt damit den größtmöglichen Schutz in Europa. FFH-Gebiete dienen der Schaffung eines EU-weiten Schutzgebietsnetzes „Natura 2000“, welches den Rückgang der Artenvielfalt entgegenwirken soll. Im FFH-Gebiet Tunneltal passiert nun das Gegenteil: eine acht Kilometer lange „Mauer“ wird das Gebiet der Länge nach zerschneiden und die Natura 2000 Bemühungen eines Schutzgebietsnetzes zunichtemachen. Fragen zum Wildwechsel werden von der DB kurz beantwortet: „Die aktuelle Planung sieht keine Wildquerung vor.“ Und einen Absatz weiter heißt es: „Trassenquerungen sind durch alle Tiere möglich.“

Wie unsinnig der letzte Satz ist, musss jedem klar werden, der schon einmal einen Kammmolch gesehen hat. Diesen kleinen Lurchen, die zur Familie der Salamander gehören, ist es zu verdanken, dass das Tunneltal überhaupt Bestandteil eines FFH-Gebietes geworden ist. Wie soll ein so filigranes Tier, das kaum 12 Gramm wiegt, ein 25 m breites Schotterbett mit vier Gleisen lebend überwinden?

Wer denkt, dass sich ein Kammmolch kaum fortbewegt, hat sich getäuscht.

Es ist schon eine besondere Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet in den Naturschutzgebieten Höltigbaum und Stellmoor-Ahrensburger Tunneltal erst kürzlich eine internationale Studie zum Wanderverhalten dieser Tiere durchgeführt wurde. Es heißt darin: „Wir waren sehr überrascht, wie viele Individuen in den drei Jahren unserer Studie in verschiedenen Gewässern gefangen werden konnten und dass die Tiere, die vermeintlich nur sehr kurze Distanzen überwinden können, dabei nicht unbedingt das räumlich naheliegendste Gewässer aufsuchten.“ https://www.lw.uni-leipzig.de/fakultaet/aktuelles/detail-nachrichten/artikel/waehlerische-wasserdrachen-2021-09-08

Es wird Zeit, dass die Politik ihren Fehler erkennt und korrigiert, um den Schaden für das Stellmoor-Ahrensburger Tunneltal abzuwenden. Ansonsten wird das Tunneltal bald zu einem prominenten Beispiel unnötiger Natur- und Kulturzerstörung werden.

Doch neben den Schäden für Natur und Kultur, gibt es auch logistische Gründe für ein zwingendes Umdenken. Denn glaubt man den Worten von Professor Stuwe von der „NBS-Northern Business School“, der im Juni 2022 die Studie „Szenario 2030- die Antwort Lübecks auf die feste Fehmarnbelt-Querung“ veröffentlicht hat, wird die Bahnstrecke Lübeck-Hamburg und vor allem der Bereich Ahrensburg-Gartenholz, wo die S4 in die alte Bestandsstrecke eingefädelt werden soll, bald zum „Nadelöhr für die internationalen schienengebundenen Verkehrsströme zwischen Kontinental- und Nordeuropa“ werden. Er rät dringend, dass die Güterverkehre ab Lübeck auf Ausweichstrecken über Bad Kleinen und Lübeck-Büchen-Lüneburg aufgesplittet werden müssen, um ein Verkehrschaos auf der jetzt schon überlasteten Strecke Lübeck-Hamburg zu verhindern.

Auf die Frage an die DB Netz, ob die Erkenntnisse aus der NBS-Studie in den Planungen für die S4 berücksichtigt werden, heißt es „ dass diese der DB Netz AG nicht vorliegen“ würde. Und richtig, es ist nicht die Aufgabe der DB Netz AG, ein politisch gewolltes Projekt zu hinterfragen. Es ist die Aufgabe der Politik!

Dabei könnte es doch so einfach sein.:

  • Der Güterverkehr muss auf mehrere Alternativtrassen, (z.B. Lübeck-Büchen-Lüneburg oder Bad Kleinen) verteilt werden. Nur dann kann der Nahverkehr weiter auf der Bestandsstrecke verkehren.
  • Der 2-gleisige Neubau der S-Bahnlinie muss spätestens in Hamburg-Rahlstedt enden, um das mehrfach geschützte Stellmoor-Ahrensburger Tunneltal zu verschonen!
  • Hamburg-Rahlstedt muss der Umsteigebahnhof zur S4 werden, damit wir Schleswig-Holsteiner weiterhin von unseren schnellen Expresszügen in die Innenstadt profitieren können.
  • Die Brücke durch das Tunneltal darf nicht gebaut werden!

Das Thema S4 / Gütertrasse ist nun auch auf der Homepage der Stadt Ahrensburg

Wir begrüßen es sehr, dass die Stadt Ahrensburg seit letzter Woche umfangreich auf ihrer Homepage über das Thema S4  / Gütertrasse informiert:: Hier klicken

Unter der Überschrift „Stellungnahmen zu Anfragen“ finden Sie dort außerdem den umfangreichen Fragenkatalog, den die BI „Ahrensburg gegen Gütertrasse“ und die IG Tunneltal unter Mitwirkung vieler Bürgerinnen und Bürger Anfang August bei der Stadt Ahrensburg eingereicht hatte und der von der Stadtverwaltung an die DB Netz weitergereicht wurde. Der Fragenkatalog diente als Vorbereitung zur Dialogveranstaltung am 27. Oktober, wurde dort aber von der DB nur bruchstückhaft beantwortet. Letzte Woche wurden die Antworten der DB nun endlich veröffentlicht.

 

 

 

Dialogveranstaltung weiterhin online

Wer sich die Aufzeichnung der Veranstaltung in voller Länge ansehen möchte, kann das weiterhin über diesen Link:  https://www.ahrensburg.de/Startseite/index.php?La=1&object=tx,2603.18787.1&kuo=2&sub=0

Die Redebeiträge mit kritischen Stimmen zum Ausbau der S4 / Gütertrasse finden Sie in nachfolgenden Abschnitten:

  • Svenja Furken,  IG Tunneltal:  ab 0:47 h
  • Prof. Stuwe, Northern Business School:  ab 1:26 h
  • Dr. Arnold Harmsen, Bürgerinitiative Marienthal:  ab 1:38:49 h
  • Malte Siegert, NABU Hamburg: ab 2:01 h

Dialogveranstaltung: Viele offene Fragen

IG Tunneltal und BI Ahrensburg gegen Gütertrasse ziehen eine gemischte Bilanz über die „Dialogveranstaltung S4 / Gütertrasse“.

Die Veranstaltung war von den Initiativen gefordert worden, da beide befürchteten, dass bisher Regionalpolitik und Bürger nur sehr unzureichend und einseitig über die Planungen zum Bau der S4 / Gütertrasse informiert wurden.

Gut 200 Interessierte folgten schließlich der Einladung zur „Dialogveranstaltung“ am 27. Oktober im Schulzentrum am Heimgarten und verfolgten die Veranstaltung in Präsenz. Gut 1.000 Aufrufe (Stand: 1.11.) verzeichnete der Onlinestream der weiterhin unter dem Link  https://youtu.be/mQx9oTPO2SI nachgeschaut werden kann.

„Die gute Beteiligung an der Veranstaltung zeigt, dass die Anwohner sehr wohl ein großes Interesse an den Ausbauplänen zur S4 und Gütertrasse und den möglichen Folgen für unsere Stadt und das Tunneltal haben. Außerdem scheint sich unser Verdacht zu bestätigen, dass viele Anwohner den 2-gleisigen Streckenausbau der S4 bis Ahrensburg kritisch sehen, da er für Ahrensburg und den Kreis Stormarn keine Vorteile bringen wird.“ so Michael Kukulenz von der Bürgerinitiative Ahrensburg gegen Gütertrasse.

Trotz der Freude über die gute Bürgerbeteiligung, bemängeln beide Initiativen weiterhin die fehlende Transparenz und Dialogbereitschaft der Deutschen Bahn. So hatte die Deutsche Bahn bereits im Sommer die Stadtverwaltung Ahrensburg gebeten, dass die Bürgerinitiativen doch bitte zur Vorbereitung auf die Dialogveranstaltung einen Fragenkatalog ausarbeiten mögen. Unter Beteiligung vieler Anwohner wurden daraufhin 88 Fragen formuliert, die bereits Anfang August eingereicht wurden.

„Doch leider wurde so gut wie keine dieser Fragen von der Deutschen Bahn auf der Dialogveranstaltung aufgegriffen und beantwortet. Anstatt uns die Antworten auf unsere drängenden Fragen zu liefern, investierte man viel Zeit in die Präsentation vermeintlich innovativer und transparenter Lärmschutzwände. Ich sehe darin nur wenig Innovation, zumal es Graffitikünstlern relativ egal sein wird, ob sie blickdichte oder transparente Wände besprayen. Für die Stadt wird das nur die Reinigungskosten in die Höhe treiben. An der zerschneidenden Wirkung im Naturschutzgebiet und der optischen Verschandelung in Ahrensburgs Innenstadt wird das nichts ändern.“ so Kukulenz weiter.

Svenja Furken von der IG Tunneltal kritisierte, dass kein politischer Vertreter aus Hamburg auf dem Podium stand. Denn dann hätte er auf die unbequeme Frage der IG Tunneltal: „Kann es sein, dass die 2 neuen Gleise nur deshalb bis Ahrensburg gebaut werden, weil man auf Hamburger Stadtgebiet schlichtweg keinen Platz für die notwendige Abstellanlage der S4 findet?“ gleich persönlich antworten können.

Hintergrund Ihrer Vermutung: Der 2-gleisige Trassenausbau für die S4 endet direkt hinter Ahrensburg. Von dort führt dann ein weiteres Gleis nach Delingsdorf zur Abstellanlage, die ca. 1,3 Kilometer lang und mehrere Gleise breit werden soll und auf der nachts etwa 21 S4-Züge parken sollen. Ab Ahrensburg-Gartenholz wir die neue S4 dann auf die Bestandsstrecke eingefädelt und teilt sich Richtung Bad Oldesloe weiterhin die Gleise mit dem Fern- und Güterverkehr. Jede Einfädelung auf der Strecke birgt große Probleme für einen reibungslosen Verkehr.

„Überhaupt wurde viel zu wenig über die Alternativen für die Trasse gesprochen. Gute Redner wie Dr. Arnold Harmsen und Prof. Struwe, die Alternativen aufzeigen konnten, hatten nur wenige Minuten, um die sehr komplexen Sachverhalte darzulegen. Das finden wir extrem bedauerlich und das spiegelt auch nicht die eigentliche Absicht der Initiatoren dieser Veranstaltung, nämlich die Diskussion um mögliche Alternativen, wider!“ sind sich beide Initiativen einig.

Dabei hatte Dr. Harmsen es so schön auf den Punkt gebracht, indem er klar machte, dass die S4 für Ahrensburg und Schleswig-Holstein keinen Vorteil bringen wird. Die Fahrzeiten in die Innenstadt verlängern sich auf 30 Minuten ab Ahrensburg und der Fahrkomfort in der S-Bahn würde sich gegenüber den Regionalzügen verschlechtern. Dafür werde niemand sein Auto in der Garage stehen lassen.

Er plädiert daher für das „Hummeltenberg-Lichte-Konzept“, das den Ausbau der S4 nur bis Hamburg-Rahlstedt vorsieht. Der Nahverkehr auf der Schleswig-Holsteinischen Seite müsse demnach weiterhin über schnelle Expresszüge, die von Ahrensburg aus in ca. 15 Minuten die Innenstadt erreichen, bedient werden. Über einen kurzen Zwischenhalt in Rahlstedt bestehe dort eine Umsteigemöglichkeit in die S4.

Auch zum Güterverkehr gab es Alternativvorschläge. So prophezeite Professor Struwe von der Northern Business School, dass die S4 mit ihrer Einfädelung in Ahrensburg-Gartenholz zum Nadelöhr des internationalen Schienengüterverkehrs werden wird. Er forderte, dass die Schienengüterverkehre, die mit der Fertigstellung der Fehmarnbeltquerung erwartet werden, zwingend ab Lübeck auf weitere schon bestehende Alternativtrassen umverteilt werden müssen, um die jetzt schon überlastete Strecke Hamburg-Lübeck nicht zu überfordern.

IG Tunneltal und die BI Ahrensburg gegen Gütertrasse erwägen nun eine Folgeveranstaltung, auf der diese nur kurz angeklungenen Alternativen noch einmal intensiver beleuchtet werden und dann auch zu einem Dialog mit den Planungsfachleuten führen muss. Vielleicht schafft es bis dahin auch die Deutsche Bahn die 88 Fragen besorgter Anwohner vom August zu beantworten.

27. Oktober: Dialog S4 / Gütertrasse

Wir möchten noch einmal dringend auf die „Dialogveranstaltung S4 / Gütertrasse“ der Stadt Ahrensburg hinweisen und um Ihre Unterstützung bitten!
Die Veranstaltung findet am 27. Oktober 2022 um 18 Uhr im Schulzentrum Am Heimgarten in Ahrensburg statt.

Die Veranstaltung ist auf Initiative der IG Tunneltal und der BI „Ahrensburg gegen Gütertrasse“ initiiert worden. Durch einen einstimmigen Beschluss der Stadtverordnetenversammlung Ahrensburg wurde die Stadtverwaltung Ahrensburg beauftragt, die Veranstaltung zu organisieren.

Hintergrund der Initiative war, dass immer wieder deutlich wurde, dass sowohl Regionalpolitik als auch Bürger nur sehr unzureichend und einseitig über die Planungen zum Bau der S4 / Gütertrasse informiert wurden.
Da das Planfeststellungsverfahren noch nicht eröffnet ist, fanden wir es wichtig, dass noch einmal alle Fakten auf den Tisch kommen und gemeinsam diskutiert werden. Dazu sollen Experten der Deutschen Bahn, alternativer Trassenplanung, des Naturschutzes und der Archäologie zu Wort kommen.
Während des Wahlkampfes zur Landtagswahl hatten ursprünglich auch Oberbürgermeister Tschentscher und Ministerpräsident Günther ihre Teilnahmen mündlich zugesagt. Leider wurden die Zusagen nach der schriftlichen Einladung durch die Stadt Ahrensburg wieder zurückgenommen, so dass der Dialog nun leider ohne die beiden Politiker stattfinden muss.
Umso wichtiger ist nun eine rege Beteiligung und Berichterstattung durch die Medien, damit das Thema die Öffentlichkeit erreicht.

Was sind eigentlich die Hintergründe und die Kritikpunkte zum Trassenausbau?

Die Bahnstrecke Hamburg-Lübeck besteht im Moment aus 2 Gleisen, auf denen der Güter-, der Fern- und der Nahverkehr abgewickelt wird. Im Zuge der Fehmarnbeltquerung wird nach Angaben der Deutschen Bahn der Schienengüterverkehrs stark zunehmen, so dass mit einer Überlastung der Bahnstrecke Hamburg-Lübeck zu rechnen ist. Damit ein reibungsloser Nahverkehr auf der Strecke weiter möglich ist, soll zwischen Hamburg und Bad Oldesloe die neue „S4“ eingerichtet werden. Sie soll, so das Versprechen der DB, „öfter und direkter“ als die bisherigen Regionalbahnen fahren. Dazu werden von Hamburg-Hasselbrook bis Ahrensburg parallel zur alten Bestandsstrecke zwei neue S-Bahngleise verlegt. Die Strecke wird dort also 4-gleisig. Von Ahrensburg bis Ahrensburg-Gartenholz gibt es einen kurzen 3-gleisigen Streckenverlauf. Dieses 3. Gleis wird genutzt, um 21 Züge der S4 nachts auf einer neu gebauten großen Abstellanlage in Delingsdorf unterzubringen. Danach wird die „S4“ auf die bestehende 2-gleisige Bestandsstrecke eingefädelt und bis Bad Oldesloe fahren.

Leider werden für diese Baumaßnahmen Teile des Stellmoor-Ahrensburger Tunneltals zerstört: 2 neue Gleise auf ca. sieben Kilometern Länge, meterhohe Lärmschutzwände, beidseitige Baustraßen während der Bauphase und ein großes Brückenbauwerk mitten durch das Tal, das den Bahnübergang „Brauner Hirsch“ ersetzen soll.

Das Ahrensburger Tunneltal ist Bestandteil eines FFH-Naturschutzgebietes und genießt damit den höchsten Schutzstatus auf europäischer Ebene. Es gehört außerdem zu den bedeutendsten Forschungsregionen altsteinzeitlicher Archäologie in Nordeuropa! Hier wurden zwei Rentierjägerkulturen entdeckt, die dreimal so alt wie die Pyramiden von Gizeh oder Stonehenge sind. Das Tunneltal ist zudem einer der wenigen Orte weltweit, an dem sich organisches Material (Knochen, Holz, Geweih) aus der Altsteinzeit erhalten hat.
Das Ahrensburger Tunneltal ist damit neben Haithabu der wichtigste archäologische Fundort in Schleswig-Holstein und hat sich international -nicht zuletzt durch den Fund der weltweit ältesten Pfeile der Menschheitsgeschichte- ein Alleinstellungsmerkmal und sicheren Platz in der Geschichte der Menschheit gesichert. Das Ahrensburger Tunneltal ist eine potentielle UNESCO Welterbestätte und sollte daher unangetastet bleiben, um es auch für zukünftige Generationen zu sichern.

Was uns an den S4 Planungen besonders ärgert, ist die Tatsache, dass die Deutsche Bahn mit einer „S4“ von Hamburg bis Bad Oldesloe wirbt, obwohl der Streckenausbau in Wirklichkeit nur bis Ahrensburg erfolgt! Danach teilt sich die „S4“ die 2-gleisige Bestandsstrecke weiterhin mit der Gütertrasse und dem Fernverkehr!
Das wirft folgende Fragen auf:

  • Weshalb ist die gemeinsame Nutzung des Nah-,  Güter- und Fernverkehrs auf der alten 2-gleisigen Bestandsstrecke ab Ahrensburg plötzlich möglich?
  • Weshalb kann der 4-gleisige Ausbau der Strecke nicht bereits in Hamburg Rahlstedt enden, um das schützenswerte Stellmoor-Ahrensburger Tunneltal zu verschonen?
  • Wäre es gar denkbar, dass der Streckenausbau für die S4 bis Ahrensburg nur deshalb erfolgt, weil man auf Hamburger Gebiet keinen Platz für die notwendige Abstellanlage (1,3 km Länge, 4 Gleise breit) für die S4 findet?

Weiterhin ist unklar, was mit „häufiger und direkter“ eigentlich gemeint ist. „Direkter“ kann die Verbindung nicht werden, da es sich um die selbe Strecke handelt. Allenfalls in der Taktung ergibt sich z.B. für Ahrensburg eine geringfügige Veränderung von jetzt 15 Minuten zur Hauptverkehrszeit auf dann 10 Minuten zur Hauptverkehrszeit. Dass sich mit der neuen S4 die Fahrzeit in die Hamburger Innenstadt insgesamt deutlich verlängert, da mehr Haltestellen angefahren werden, wird allerdings verschwiegen. 

  • Steht die Teilzerstörung des Natur- und Denkmalschutzgebietes im Tunneltal und der Verbrauch an Energie und Ressourcen für den Trassenneubau in einem angemessenen Verhältnis zu den vermeintlichen Vorteilen der neuen S4?

Für die neue S4 müssen die Bahnsteige (andere Höhe!) auf den Bahnhöfen zwischen Hamburg und Bad Oldesloe aufwendig umgebaut und angepasst werden.

  • Ergibt sich durch diese Bahnsteiganpassungen nicht eine ungewollte Monopolstellung für S-Bahnzüge? 

Leider ist die S4 nicht das einzige Problem, das auf der Dialogveranstaltung diskutiert werden muss. Auch der Ausbau der transeuropäischen Güterverkehrstrasse an sich stellt eine Belastung für die Anwohner, Natur, Städte und Gemeinden entlang der Trasse dar.
Hier stellt sich die Frage:

  • Warum wird der Güterverkehr von und nach Skandinavien nicht, wie in der NBS Studie von Prof. Stuwe (siehe Anhang) gefordert, auf verschiedene Bestandsstrecken (z.B. Lübeck-Büchen-Lüneburg oder über Bad Kleinen) verteilt, um eine weitere Überlastung der jetzt schon stark frequentierten Bahnstrecke Hamburg-Lübeck zu verhindern?

Wir erhoffen uns auf der „Dialogveranstaltung“ ehrliche Antworten von der Deutschen Bahn auf diese Fragen.
Noch können im wahrsten Sinne die Weichen gelegt werden!

Teilnehmerliste Dialogveranstaltung Gütertrasse am 27. Oktober 2022

Moderatorin der Veranstaltung:
Katrin Fahrenkrug, Raum & Energie – Geschäftsführerin des Instituts für Planung, Kommunikation und Prozessmanagement GmbH

Bürgermeister Eckart Boege, Stadt Ahrensburg
Martin von Ivernois, Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Arbeit, Technologie und Tourismus,
Referatsleiter Öffentlicher Personennahverkehr, Eisenbahnen
Amina Karam, Leiterin Technik Bahnprojekte S-Bahn S4 und DSL (I.NI-N-S) Infrastrukturprojekte Nord
Michael Kablitz, Michelle Bruhn, Martin Roger, Janine Korczak, Dr. Bernd Burandt, alle Deutsche Bahn
Svenja Furken, IG Tunneltal
Professor Dr. Michael Stuwe, Northern Business School (NBS)
Jörg Sievers, Bürgerinitiative S4 Hamburg/Stormarn
Malte Siegert, NABU Hamburg
BUND – angefragt
Dr. Mara-Julia Weber, Museum für Archäologie, Schloss Gottorf
Dr. Ulf Ickerodt, Archäologisches Landesamt SH
Andrea Becker, Stadt Ahrensburg, Stadtplanung und Bauaufsicht
Dr. Frank Dittmar, Ted GmbH
Dr. Arnold Harmsen, Verein Lärm- und Umweltschutz Wandsbek-Marienthal

Dialogveranstaltung zur S4 / Gütertrasse im Oktober

Bitte vormerken: Die Dialogveranstaltung zum Ausbau der S4 / Gütertrasse durch Ahrensburg und das Ahrensburger Tunneltal wird am 27. Oktober 2022, vermutlich ab 18 Uhr, im Schulzentrum Am Heimgarten stattfinden.

Es werden Vertreter der Deutschen Bahn, des Naturschutzes, der Archäologie, der Stadtplanung und für alternative Planungen zu Wort kommen.

Bitte informieren Sie sich und bitte kommen Sie zahlreich!

Nähere Informationen entnehmen Sie bitte den Tageszeitungen.

 

 

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Um auf die Bedrohung des Ahrensburger Tunneltals aufmerksam zu machen, hat Michael Kukulenz von der BI „Ahrensburg gegen Gütertrasse“ in Zusammenarbeit mit der Grafikerin Christine Petersen und der Druckerei „Impressador“ T-Shirts anfertigen lassen.

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