Stellungnahme der IG Tunneltal zum Fragenkatalog der DB Netz AG

S4: Vorgetäuschte Mobilitätswende bedroht den Artenschutz und die archäologischen Bodendenkmäler im Ahrensburger Tunneltal

Fast fünf Monate hatte sich die DB Netz Zeit genommen, um die 88 Fragen der IG Tunneltal und der BI „Ahrensburg gegen Gütertrasse“ zu beantworten. Auch die Fragen, die das Publikum am 27. Oktober während der „Dialogveranstaltung“ stellte, wurden nun auf der Homepage der Stadt Ahrensburg veröffentlicht. Die IG Tunneltal bezieht jetzt Stellung zu den Antworten.

Es ist kaum einen Monat her, dass die Welt ein neues Naturschutzabkommen in Montreal beschlossen hat. Mindestens 30 Prozent der Land- und Meeresflächen müssen weltweit unter Naturschutz gestellt werden, um das Artensterben auf unserem Planeten aufzuhalten. Doch was sind das für hehre Ziele, wenn wir es offenbar nicht einmal schaffen, unsere bestehenden Naturschutzgebiete in Deutschland zu schützten? Ein prominentes Beispiel dafür wird möglichweise bald das eigentlich streng geschützte Stellmoor-Ahrensburger Tunneltal werden.

Denn die Antworten der DB Netz AG offenbaren nun Planungsdetails, die erschreckende Gewissheit bringen: Die Eingriffe im Tunneltal werden durch den Bau zwei neuer Gleise für die neue Bahnlinie S4 dramatisch sein!

Eine 25 m breite Schneise mit 3-6 m hohen Lärmschutzwänden auf beiden Seiten wird das streng geschützte Tunneltal zukünftig auf acht Kilometern Länge zerschneiden. Während der ca. 5- jährigen Bauphase sollen außerdem Baustraßen von mindestens 3,50 m Breite auf beiden Seiten der Trasse eingerichtet werden. Dazu noch Ausweichflächen für die Baustellenfahrzeuge. Auch von „weiteren Flächen zur Abwicklung der Baumaßnahme“ im Naturschutzgebiet ist die Rede.

„Unvermeidbare Eingriffe werden nach den gesetzlichen Vorgaben ausgeglichen“ heißt es zu den Eingriffen im Naturschutzgebiet an anderer Stelle.

Doch die Trasse selbst ist nicht der einzige Eingriff, der im Tunneltal geplant ist. Ein Brückenbauwerk mit 120m Spannbreite und 17m Höhe soll den beschrankten Bahnübergang am Braunen Hirsch ersetzen. Das monströse Bauwerk liegt dann inmitten der international bedeutenden Fundplätze eiszeitlicher Rentierjägerkulturen und wird einen Großteil der Talsohle überspannen. Der unverbaute Charakter des Tals an diesem besonderen Ort der Menschheitsgeschichte wird dadurch zerstört werden. Die Brücke sei notwendig, damit „der Verkehrsfluss auf der Straße deutlich reibungsloser wird“. Etwa 3000 Kfz/24 h mehr (!) als jetzt schon werden dann täglich über die Brücke rollen, so die zitierte Prognose der DB Netz. Für das Naturschutzgebiet, den berühmten Fundplatz und die Anwohner der Siedlung Am Hagen und Ahrensfelde, die schon jetzt unter der täglichen Verkehrslast leiden, eine Katastrophe.

Dabei soll die neue Brücke offenbar sogar eine Idee der Anwohner selbst gewesen sein: „Viele BürgerInnen äußerten Ideen und Anmerkungen, die das Projektteam aufnahm und berücksichtigte (Bsp. Die neue Brücke am Braunen Hirsch).“ schreibt die DB Netz AG.

Neben den vielen Planungsdetails, die sehr konkret beantwortet wurden, bleiben andere Fragen nur vage oder gar nicht beantwortet.

So kann die DB Netz AG die ständig zitierten 250.000 Pendler, die angeblich zukünftig von der neuen Bahnlinie profitieren sollen, rechnerisch nicht herleiten. Nicht nur, dass die Zahl sehr hochgegriffen erscheint, da im gesamten Kreis Stormarn keine 250.000 Einwohner leben, sondern es wird auch der Anschein erweckt, als würde es momentan überhaupt noch keine Bahnverbindung für diese Menschen geben.  Etikettenschwindel nennt man das, wenn in der Werbung mehr versprochen wird, als das Produkt hergibt.

Auf Fragen zur Gütertrasse will die DB Netz auch nicht eingehen, denn „die S4 sei ein reines Nahverkehrsprojekt.“

Das mag formal stimmen, ist aber Augenwischerei, denn die DB Netz AG argumentiert ja selbst immer wieder, dass die S4 eigene Gleise benötigt, da ein Mischbetrieb mit dem Fern- und Güterverkehr auf der Bestandsstrecke wegen des zunehmenden Güterverkehrs durch die Fehmarnbelt-Querung nicht möglich wäre. Seltsam nur, dass die S4 ab Ahrensburg-Gartenholz ohne eigene Gleise auskommen und sich bis Bad Oldesloe weiterhin die Gleise mit dem Fern- und Güterverkehr teilen soll. Auf die während der Dialogveranstaltung öffentlich gestellte Frage, ob die neuen Gleise für die S4 nur deshalb bis Ahrensburg gebaut werden sollen, weil man in Hamburg-Rahlstedt schlichtweg keinen Platz für die zwei Kilometer lange Abstellanlage gefunden hat, die jetzt in Delingsdorf gebaut werden soll, gibt es keine Antwort. Auch nicht auf die Frage aus dem Fragenkatalog, wie groß die tägliche Belastung für den Einfädelungsverkehr der über Nacht geparkten S-Bahnzüge von der Abstellanlage sein wird. “Hierzu können wir in der jetzigen Planungsphase keine Angaben machen.“

Warum der Gleisausbau für die die S4 nicht einfach in Hamburg-Rahlstedt enden kann, um das streng geschützte Tunneltal zwischen Rahlstedt und Ahrensburg zu verschonen, wird mit „Die aktuelle Planung der S4 ergab sich als die Variante, bei der die Betriebsqualität für alle Verkehre wirtschaftlich optimal und robust ist und somit als nachhaltige Lösung zu favorisieren ist.“ beantwortet.

Die Zerstörung von Natur und Kultur im Tunneltal, wird unter den fadenscheinigen Argumenten einer fraglichen Wirtschaftlichkeit und einer vorgetäuschten Mobilitätswende offensichtlich als Kollateralschaden in Kauf genommen.

Denn ob die S-Bahnen, die auf Ihrer Fahrt in die Hamburger City viele Zwischenstopps einlegt und damit die Fahrzeit verlängert, wirklich attraktiver sind, weiß letztlich niemand. Zudem verfügt Ahrensburg mit zwei U-Bahnstationen und zwei Regionalbahnhöfen, verglichen mit anderen Vororten wie etwa Barsbüttel oder Wedel, bereits jetzt über eine sehr gute Anbindung an Hamburg. Dass die Regionalzüge oft unpünktlich sind oder gar ausfallen, ist kein Problem fehlender Gleise, sondern maroder Technik und fehlenden Personals!

Die S4 wird von der Politik als wichtiges Nahverkehrsprojekt und Beitrag zur Mobilitätswende gefeiert. Doch rechtfertigt das die Teilzerstörung eines Naturschutzgebietes?

Das Stellmoor-Ahrensburger Tunneltal wurde 2010 als FFH (Fauna-Flora-Habitat) -Gebiet anerkannt und genießt damit den größtmöglichen Schutz in Europa. FFH-Gebiete dienen der Schaffung eines EU-weiten Schutzgebietsnetzes „Natura 2000“, welches den Rückgang der Artenvielfalt entgegenwirken soll. Im FFH-Gebiet Tunneltal passiert nun das Gegenteil: eine acht Kilometer lange „Mauer“ wird das Gebiet der Länge nach zerschneiden und die Natura 2000 Bemühungen eines Schutzgebietsnetzes zunichtemachen. Fragen zum Wildwechsel werden von der DB kurz beantwortet: „Die aktuelle Planung sieht keine Wildquerung vor.“ Und einen Absatz weiter heißt es: „Trassenquerungen sind durch alle Tiere möglich.“

Wie unsinnig der letzte Satz ist, musss jedem klar werden, der schon einmal einen Kammmolch gesehen hat. Diesen kleinen Lurchen, die zur Familie der Salamander gehören, ist es zu verdanken, dass das Tunneltal überhaupt Bestandteil eines FFH-Gebietes geworden ist. Wie soll ein so filigranes Tier, das kaum 12 Gramm wiegt, ein 25 m breites Schotterbett mit vier Gleisen lebend überwinden?

Wer denkt, dass sich ein Kammmolch kaum fortbewegt, hat sich getäuscht.

Es ist schon eine besondere Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet in den Naturschutzgebieten Höltigbaum und Stellmoor-Ahrensburger Tunneltal erst kürzlich eine internationale Studie zum Wanderverhalten dieser Tiere durchgeführt wurde. Es heißt darin: „Wir waren sehr überrascht, wie viele Individuen in den drei Jahren unserer Studie in verschiedenen Gewässern gefangen werden konnten und dass die Tiere, die vermeintlich nur sehr kurze Distanzen überwinden können, dabei nicht unbedingt das räumlich naheliegendste Gewässer aufsuchten.“ https://www.lw.uni-leipzig.de/fakultaet/aktuelles/detail-nachrichten/artikel/waehlerische-wasserdrachen-2021-09-08

Es wird Zeit, dass die Politik ihren Fehler erkennt und korrigiert, um den Schaden für das Stellmoor-Ahrensburger Tunneltal abzuwenden. Ansonsten wird das Tunneltal bald zu einem prominenten Beispiel unnötiger Natur- und Kulturzerstörung werden.

Doch neben den Schäden für Natur und Kultur, gibt es auch logistische Gründe für ein zwingendes Umdenken. Denn glaubt man den Worten von Professor Stuwe von der „NBS-Northern Business School“, der im Juni 2022 die Studie „Szenario 2030- die Antwort Lübecks auf die feste Fehmarnbelt-Querung“ veröffentlicht hat, wird die Bahnstrecke Lübeck-Hamburg und vor allem der Bereich Ahrensburg-Gartenholz, wo die S4 in die alte Bestandsstrecke eingefädelt werden soll, bald zum „Nadelöhr für die internationalen schienengebundenen Verkehrsströme zwischen Kontinental- und Nordeuropa“ werden. Er rät dringend, dass die Güterverkehre ab Lübeck auf Ausweichstrecken über Bad Kleinen und Lübeck-Büchen-Lüneburg aufgesplittet werden müssen, um ein Verkehrschaos auf der jetzt schon überlasteten Strecke Lübeck-Hamburg zu verhindern.

Auf die Frage an die DB Netz, ob die Erkenntnisse aus der NBS-Studie in den Planungen für die S4 berücksichtigt werden, heißt es „ dass diese der DB Netz AG nicht vorliegen“ würde. Und richtig, es ist nicht die Aufgabe der DB Netz AG, ein politisch gewolltes Projekt zu hinterfragen. Es ist die Aufgabe der Politik!

Dabei könnte es doch so einfach sein.:

  • Der Güterverkehr muss auf mehrere Alternativtrassen, (z.B. Lübeck-Büchen-Lüneburg oder Bad Kleinen) verteilt werden. Nur dann kann der Nahverkehr weiter auf der Bestandsstrecke verkehren.
  • Der 2-gleisige Neubau der S-Bahnlinie muss spätestens in Hamburg-Rahlstedt enden, um das mehrfach geschützte Stellmoor-Ahrensburger Tunneltal zu verschonen!
  • Hamburg-Rahlstedt muss der Umsteigebahnhof zur S4 werden, damit wir Schleswig-Holsteiner weiterhin von unseren schnellen Expresszügen in die Innenstadt profitieren können.
  • Die Brücke durch das Tunneltal darf nicht gebaut werden!

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