Monat: September 2026

Nachruf Harm Paulsen

Er machte die Vergangenheit begreifbar

Harm Paulsen (1944-2026), einer der bedeutendsten Experimentalarchäologen Deutschlands war auch mit dem Ahrensburger Tunneltal verbunden

 Ein Nachruf von Svenja Furken für den Verein Stellmoor-Ahrensburger Tunneltal e.V.

Am 7. September 1966 ereignete sich eine der spektakulärsten und erfolgreichsten Seenotrettungsaktionen in der Geschichte Skandinaviens. Die Autofähre MS Skagerak war vor der dänischen Nordseeküste bei schwerer See in Seenot geraten. Gut 30 heraneilenden Schiffen, mehreren Rettungshubschraubern und zahlreichen Helfern gelang es, alle 144 Menschen von Bord und aus dem Wasser zu retten, bevor das Schiff versank.

In den Berichten über die erfolgreiche Rettungsaktion blieb jedoch unerwähnt, dass ein junger Radartechniker der deutschen Marine den Einsatz fast mit seinem Leben bezahlte. Ein Brecher hatte ihn mit voller Wucht gegen die Außenwand des Marineschiffes geschleudert und schwer verletzt. Die Genesung dauerte Jahre, die Spätfolgen blieben ein Leben lang. Seinen Dienst bei der Marine musste der junge Mann aufgeben.

Der dramatische Wendepunkt im Leben des jungen Radartechnikers Harm Paulsen sollte sich später als Glücksfall für die Archäologie herausstellen.

Vom Radartechniker zum Experimentalarchäologen

 „Ich hatte eine Kindheit wie Huckleberry Finn und konnte mich auf dem Grundstück der elterlichen Gärtnerei in Lübeck austoben“, erzählte Harm gerne, wenn man ihn fragte, wie sein Interesse für die Archäologie geweckt wurde. Kein Kindergarten, keine Nachmittagsbetreuung, keine Handys – und Eltern, die ihn einfach machen ließen.

„Die Kinder heute tun mir leid“, sagte Harm auch oft, wenn er davon schwärmte, wie groß seine Freiheiten als Kind waren.

In der Grundschule wurde er „der kleine Professor“ genannt und schon als Zwölfjähriger bearbeitete Harm Flintsteine, baute Bögen und Speere nach indianischem Vorbild. „Oft habe ich meine Waffen vor den Eltern unter dem Bett versteckt, weil ich sie nicht beunruhigen wollte“, erzählte er augenzwinkernd.

Wenig später überredete er Bauarbeiter, den Aushub aus der historischen „Bäckergrube“ in Lübeck auf dem Grundstück seiner Eltern – sehr zum Unmut seines nichtsahnenden Vaters – abzuladen. Die ganzen Sommerferien durchwühlte er das Erdreich und dokumentierte sorgfältig, was er dort fand. Harm erzählte später, der zuständige Landesarchäologe habe es kaum glauben können, als er das Ergebnis wochenlanger Arbeit sah: „Mein Jung, Du weißt ja gar nicht, was Du für unsere Stadt getan hast!“

Eigentlich hätte der berufliche Werdegang ohne Umwege in die Archäologie führen sollen, doch die Großmutter warnte: „Was nützt der Titel, wenn der Magen leer bleibt?“ So entschied sich Paulsen für den Brotberuf bei der Marine als Radartechniker.

Nach dem schweren Unfall musste Paulsen sein Leben jedoch neu ordnen und begann zunächst als Helfer im Stadtmuseum Lübeck. Bald wurde das Landesamt für Vor- und Frühgeschichte in Schleswig auf Paulsen aufmerksam und bot ihm eine Stelle als Techniker an.

Während Paulsen seine Flintbearbeitung und Technik im Nachbau steinzeitlicher und historischer Geräte und Waffen, immer weiter perfektionierte, stieß seine praktische Herangehensweise an die Archäologie nicht überall auf Verständnis. Er bekam zu hören: „Was soll das? Das wird doch später nur mit Originalen verwechselt.“

Auch der Satz „Herr Paulsen, wir sind Geisteswissenschaftler und keine Handwerker“ ist ihm im Gedächtnis geblieben. Harm erzählte, dass ein Professor seinen Studenten sogar untersagen wollte, sich mit ihm zu praktischen Seminaren zu treffen: „Der hat doch nicht einmal promoviert.“

Wenn andere nicht weiterwissen

Doch Harm blieb sich und seiner Leidenschaft treu. Vor allem in Skandinavien, wo die experimentelle Archäologie schon stärker etabliert war, sprach sich sein Können herum.

Bald wurde auch das Fernsehen auf Harm aufmerksam und lud ihn zu Kindersendungen wie der „Sesamstraße“ und „Löwenzahn“ ein. Dort konnte er auf seine ganz eigene Art zeigen, wie man Kindern das Leben der Vorfahren begreifbar machen kann.

Harm zeichnete, rekonstruierte und baute nach. Mit seinen Repliken, Modellen und Zeichnungen trug er dazu bei, die Ausstellungen im Museum für Archäologie Schloss Gottorf anschaulich zu machen.

Doch Harm konnte noch viel mehr, als Dinge nachzubauen. Seine besondere Stärke lag darin, Fragen durch eigenes Ausprobieren zu beantworten. Wenn Archäologen bei einer Fragestellung nicht weiterkamen, wandten sie sich an Harm: Wie wurde dieses Werkzeug benutzt? Wie funktioniert eine bestimmte Technik? Und was hat es mit Ötzis Pfeilschussverletzungen auf sich?

Gerade bei Ötzi konnte Harm zeigen, was seine Methode leisten konnte. Durch die Rekonstruktion seiner Ausrüstung und praktische Experimente mit Pfeil und Bogen untersuchte er, wie der tödliche Pfeilschuss abgelaufen sein könnte.

„In unserer Sprache gibt es ein gutes Wort. Das heißt ‚Begreifen‘. Das heißt ja nicht nur, dass man etwas im Kopf behält, sondern auch, dass man etwa mit den Händen manuell machen kann. Und bei mir war es so, wenn ich einen Gegenstand aus der Vorzeit in die Hand bekam, dann war sofort der Gedanke da: Was hat man damit wohl gemacht?“  (Zitat aus unserem Film Pfeil sucht Bogen)

Der Tunneltal-Blick

Für viele Menschen in der Region Stormarn ist Harm vor allem mit dem Ahrensburger Tunneltal verbunden. Auch für uns als Verein war er von Anfang an ein wichtiger Wegbegleiter.

Schon bevor unser Verein gegründet wurde, unterstützte Harm uns mit originalgetreuen Repliken der wichtigsten Fundstücke aus dem Tunneltal. Mit seiner Hilfe konnten wir die Lebenswelt der Ahrensburger Rentierjäger nicht nur erklären, sondern bei Führungen und im Unterricht tatsächlich begreifbar machen. Die Menschen konnten die Werkzeuge und Waffen in die Hand nehmen und sich dadurch viel unmittelbarer vorstellen, wie die Menschen vor rund 12.000-14.000 Jahren gelebt haben.

Besonders eng wurde unsere Zusammenarbeit durch das gemeinsame Filmprojekt „Pfeil sucht Bogen- das Ahrensburger Steinzeitexperiment“. Darin rekonstruierte Harm einen Bogen, wie ihn die Ahrensburger Rentierjäger vor etwa 12.000 Jahren benutzt haben könnten. Für uns war das weit mehr als ein Filmprojekt: Es war eine Möglichkeit, die archäologischen Funde des Tunneltals mit Harms besonderer Fähigkeit zu verbinden und die Vergangenheit durch eigenes Ausprobieren lebendig werden zu lassen.

Aus Dankbarkeit für seine jahrelange Unterstützung haben wir ihm in unserem neuen Tunneltal-Jahreskalender 2027 das September-Monatsblatt gewidmet. Es zeigt Harm als Rentierjäger mit seinem rekonstruierten Stellmoor-Bogen. Grundlage ist das Filmplakat des Films „Pfeil sucht Bogen“, das wir dafür leicht abgewandelt haben. Letzte Woche wollten wir ihn mit dem frisch gedruckten Kalender überraschen.

Wir waren einen Tag zu spät

Sein Tod kam für alle unerwartet. Harm sagte einmal, dass er mindestens 400 Jahre alt werden müsse, um alle Projekte, die er noch vorhabe, zu realisieren.In gewisser Weise wird es ihm gelingen. Denn er hat sein Wissen und seine Erkenntnisse immer bereitwillig und geduldig mit jedem geteilt, der sich dafür interessierte.

Viele Archäologen, Archäotechniker und ein großer Freundeskreis werden Harms Wissen und seine Traditionen weitertragen. Unser tiefes Mitgefühl gilt seiner Familie und allen Menschen, die Harm nahegestanden haben.

Harm, wir werden Dich sehr vermissen! Bitte grüße auf Deiner Reise Ötzi – und natürlich die Rentierjäger aus dem Tunneltal!

Svenja Furken am 5. September 2026